Der Norden im Altertum

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(Grafik aus Nebelheim, Fridtjof Nansen, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1911)

 
Pytheas von Massalia:
Der Norden im Altertum

Mystische Vorstellungen rankten sich noch vor Jahrhunderten um den Norden. Schon die Griechen erzählten die Sagen von den Hyperboreern. Diese lebten jenseits des Nordwindes, hatten ein herrliches Klima, feierten Feste, wurden nie krank und hatten keine Feinde. Und wenn die Hyperboreer des Lebens überdrüssig wurden, stürzten sie sich lachend von einem hohen Fels in den Tod. Diese Geschichten der Hyperboreer finden sich in verschiedenen Formen wieder und sind stark mit Elementen der griechischen Apollokultur vermischt. Der Ursprung des Namens ist in den Überbringern der Opfergaben an das Apolloheiligtum in Delphi zu verstehen. Diese Boten hießen Perferoi oder HYPER=FERO (= Überbringer). Im Nordgriechischem wurde daraus Hyperforoi oder Hyperboroi. Dies wurde dann mit dem Boreas, dem Nordwind, in Verbindung gebracht, und schon war das Volk der Hyperboreer entstanden. Die Geschichten von den Hyperboreern hielten sich bis in das 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Adam von Bremen nahm damals noch an, dass die Skandinavier die Hyperboreer wären.

Handelswege in den Norden müssen schon sehr früh existiert haben. Vermutet wird u. a. eine Handelsverbindung von der Ostsee bis zum nördlichen Schwarzen Meer. An der Westküste Europas finden sich Dolmen- und Schachtgräber aus der Zeit um etwa 2000—1500 v. Chr., die sich über Sizilien, Korsika, Portugal, Nordspanien, die Bretagne, die britischen Inseln, die Nordseeküste Germaniens, Dänemark und bis in das südliche Skandinavien erstrecken.

Zinn und Bernstein waren die Hauptgründe für diese Handelswege. Der nordische Bernstein wurde hauptsächlich an der südöstlichen Küste der Ostsee, an der Westküste Jütlands und den nordfriesischen Inseln gefunden. Dieser Bernstein könnte sogar auf alte, unbekannte Wege bis nach Ägypten gelangt sein: In ägyptischen Gräbern der fünften Dynastie (etwa 3500 v. Chr.) sind Bernsteinperlen gefunden worden, die aus dem Norden stammen könnten.

Der Sage nach sind die Bernsteine die geronnenen Tränen der Sonnentöchter. Ihrem Bruder Phaethon war der Sonnenwagen mit den Pferden durchgegangen. Darauf steckte er zuerst das Himmelsgewölbe in Brand, wobei die Milchstraße entstand. Dann näherte er sich in wilder Fahrt der Erde, zündete die Gebirge an, trocknete Seen und Flüsse aus, verbrannte die Sahara und sengte die Einwohner Afrikas schwarz. Zeus setzte dem Spuk schließlich ein Ende. Die Sonnentöchter jedoch weinten so viel um ihn, dass die Götter Mitleid bekamen und sie in Pappeln verwandelten. Ihre Tränen wurden als Bernstein verwandelt weiter an die Ufer gespült. Deshalb erhielt der Bernstein im Altertum den Namen Elektron, weil die Sonne Elektor hieß.

Thales von Milet (600 v. Chr.) entdeckte, dass der Bernstein, wenn man ihn rieb, andere Körper anzog. Daher ist das Wort Elektrizität entstanden. Bei den Römern der Kaiserzeit stand der Bernstein höher im Wert als der eines Sklavens.

Der Zinnstein wurde damals u.a. in Cornwall im Süden der Britischen Inseln abgebaut. Zuerst wurde das Zinn über den Seeweg in den Süden transportiert. Später nutzen die Griechen den Landweg in Richtung Süden und gründeten so 600 v.Chr. die Kolonie Massalia, das heutige Marseille, am Mittelmeer.

Der erste große Nordlandfahrer der Geschichte ist der Grieche Pytheas von Massalia (oder auch Massilia). Dieser hervorragende Astronom und Geograph ist seiner Zeit weit voraus gewesen. Seine Reise (oder Reisen?) in den Norden hat er in seinem Werk ÜBER DEN OKEANOS beschrieben. Leider ist dieses Werk im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Doch durch die Berichte späterer Forscher, Historiker und Zweifler lässt sich aber ein ziemlich gutes Bild von Pytheas nachzeichnen:

Pytheas lebt in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts v. Chr. und ist ein Zeitgenosse Aristoteles und Alexander des Großen. Seine Reise oder Reisen in den Norden unternimmt er etwa um 320—325 v. Chr. Er will feststellen, wie weit sich die von Menschen bewohnte Welt erstreckt und wo Polarkreis und Pol liegen. Die Griechen glauben schon damals an die Kugelgestalt der Erde.

Pytheas ist der erste Astronom, der Messungen durchführt, um die geographische Breite eines Ortes auf der Erde zu bestimmen und dies mit erstaunlicher Genauigkeit! Diese Messungen führt er mittels des Schattenwurfes einer Sonnenuhr durch. Er ist auch in der Lage, die geographische Breite über den Polpunkt des Himmels zu bestimmen, um so nach den Sternen zu segeln.

Seine Reise führt ihn wahrscheinlich durch die Säulen des Herkules, das heutige Gibraltar. Über die West- und Nordküste Iberiens (Portugal und Spanien) segelt er in den unbekannten Norden. Dabei beobachtet er das Phänomen von Ebbe und Flut und bringt als erster Grieche dieses Kräftespiel in Verbindung mit den Mondphasen. Pytheas erreicht Brettanike (Britannien); und anhand seiner Berichte über die Tages- und Nachtlänge lässt sich rekonstruieren, dass er im Norden Schottlands und auf den Shetland-Inseln gewesen ist.

Über die Quelle des Geminos von Rhodos (1. Jahrh. v. Chr.) erfahren wir folgendes Zitat aus dem Originaltext von Pytheas, dass er sogar noch viel nördlicher gewesen sein muss: "Bis in diese Gegenden [d. h. nach dem Norden] scheint auch Pytheas von Massalia gekommen zu sein. Wenigstens sagt er in der von ihm verfassten Abhandlung über das Weltmeer (OKEANOS): ‚Die Barbaren zeigten uns den Ort, wo die Sonne zur Küste geht. Es traf sich nämlich [oder es geht dort nämlich so vor sich], dass in diesen Gegenden die Nacht ganz kurz war, an einigen Stellen zwei, an anderen drei Stunden, so dass die Sonne nach einer kurzen Zwischenzeit nach ihrem Untergang gleich wieder aufging’."

Aus weiteren historischen Quellen geht hervor, dass Pytheas Thule als das Land der Mitternachtssonne beschrieben hat. Es liegt nahe, dass Pytheas wirklich in Thule, dem heutigen Norwegen, gewesen ist: Er war ein exzellenter Beobachter, und er hatte wissenschaftliches Interesse daran, die Ausdehnung der Ökumene zum Norden hin festgestellt zu wissen. Ebenso wollte er die Phänomene der nördlichen Breitengrade mit eigenen Augen gesehen haben. Pytheas von Massalia verschob damit die Grenze des Wissens der gelehrten Welt um etwa 16 Breitengrade nach Norden!

Vielleicht war er sogar noch weiter gereist, denn Solinius (bei Nansen ist der Lebenszeitraum auf ungefähr das 8. Jahrhundert datiert, andere Quellen sprechen von einem Wirken Solinius' im 4. Jahrhundert) zitiert Pytheas folgendermaßen: "Weiter über Thule hinaus stoßen wir auf das träge und geronnene Meer (pigrum et concretum mare)." Dieser Satz lässt den Rückschluss zu, dass er mit seinem Schiff bis in Treibeisgewässer gelangt sein könnte. Da aber Pytheas viele Geschichten über das Nordmeer von den Eingeborenen gehört haben könnte, ist es eher wahrscheinlich, dass die Weitererzählung der Reise von Pytheas durch griechische oder phönikische Vorstellungen gefärbt ist.

Pytheas’ Reise(n) führen weiter bis jenseits der Rheinmündung. Dort geht er auf einer Insel namens Abalos an Land. Diese Insel könnte Helgoland oder eher eine der schleswigschen Inseln gewesen sein. Aber die Quellen (Plinius, Timaios) sagen über den Teil der Reise wenig aus.

Pytheas hat wie kein anderer so weitreichende Entdeckungen gemacht. Er ist der erste Seefahrer, soweit die Geschichtskunde reicht, der Großbritannien entdeckt hat, von dem vor ihm nur die Südküste bekannt gewesen ist. Er war im Norden Schottlands und auf den Shetlands, hat die Küsten Nordgalliens und Germaniens bereist und ist bis zum Polarkreis im Norden vorgedrungen. Aber seine Beschreibungen von den neuen Ländern widersprechen den allgemeinen Vorstellungen der damaligen Zeit. Im ganzen Altertum werden seinen Entdeckungen nicht gewürdigt, nur wenige glauben seinen Erzählungen.

Erst später im Laufe der Jahrhunderte, als sich der Schleier über den Norden allmählich lichtet, zeigt sich die Glaubwürdigkeit der Berichte von Pytheas. Einige Zusammenhänge mit Pytheas’ Entdeckungen seien hier noch kurz erwähnt.

Der Begründer der wissenschaftlichen Geographie, Eratosthenes (ungefähr 275 bis 194 v. Chr.) stützt sich auf Pytheas' Aussage über den Norden. Als Bibliothekar am Museum in Alexandria tätig, teilt er die Erdoberfläche in verschiedene Klimata (Breitenzonen) ein. Außerdem zeichnet er die erste Erdkarte, wo er versucht, die Lage der Orte über Breitenkreise und Meridiane zu bestimmen. Eratosthenes glaubt auch an ein zusammenhängendes Weltmeer und sagt: "Wenn nicht die große Ausdehnung des Atlantischen Meeres es unmöglich machte, könnten wir die Strecke von Iberien nach Indien längs desselben Breitengrades durchsegeln." Das war 1700 Jahre vor Kolumbus (1451—1506).

Auch Hipparch (ungefähr 190—125 v. Chr.) glaubt an die Aussagen von Pytheas, kann aber nichts Neues über den Norden sagen. Aber er führt die Einteilung der Breiten- und Längenkreise in Grade ein.

Polybios (ungefähr 204—127 v. Chr.) schenkt den Berichten von Pytheas keinen Glauben und behauptet, dass das Land im Norden unbekannt sei.

Der physische Geograph Poseidonios (135—51 v. Chr.) berechnet den Erdumfang fehlerhaft, und nach dieser Vorstellung ist die Erde kleiner als in Wirklichkeit. Diese falsche Berechnung wird später von Ptolemaios (ungefähr 100—160 n. Chr.) aufgenommen und könnte als Konsequenz die Grundlage für Kolumbus’ Reise in die Neue Welt (1492), im Glauben Indien erreicht zu haben, gewesen sein.

 

Autor: Th. Bujack

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Quellen:

Nebelheim, Fridtjof Nansen, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1912

Der Kampf um Nord- und Südpol, Axel Ahlmann, Gefion-Verlag, Berlin, o. Ang.

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