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Baumstammtransport im Fluss Vuoksen in den 20er Jaren

Die Stromschnellen von Imatra

"(...) Und so fuhr ich denn los von Wiborg aus nordwärts mit der Eisenbahn, entgegen der großen Sehenswürdigkeit des Landes dem Imatra! Links und rechts von der Bahn sanfte wellige Linien, lachende Wiesen, auf denen das eben gemähte Gras in Büscheln trocknet, waldige, besiedelte Höhen, dunkle Seen, freundliche rot angestrichene Häuschen und wieder und immer wieder die riesigen Holzstapel, diese Zeichen des größten Reichtums, den Finnland besitzt. Und dann allmählich wird das Auge gefesselt von dem Blick auf einer der gewaltigsten Ströme Finnlands. Das ist der Wuoksen. Im Saimaasee, dem wir entgegenfahren, ist er, zusammengeströmt aus unzähligen Rinnsalen, vereint worden zu einer gewaltigen Wasserfläche, an deren Südosteck er wieder austritt. Alsdann zwängt er sich in allerlei Stromschnellen über den Landrücken hinweg, die sich ihm entgegenstellen, sammeln sich noch mal zum ruhigen Strom, bis wieder links und rechts die Felswände des granitnen Urgesteins bedrängen. Schließlich ist nur noch eine Rinne von neunzehn Metern Breite, und nun soll die ungeheure Wassermasse sich hindurchfinden durch diese natürliche Schlucht! Sie vollbringt es mit ungeheurem Aufwand an Kraft, und was sich da begibt, dieses gewaltige Naturschauspiel entfesselter Naturkräfte, das ist der sogenannte Imatrafall. Wer aber an einen Wasserfall denkt, der wird etwas enttäuscht sein! Es ist kein "Fall", wie ihn sich etwa unsere Phantasie vorstellt, sondern die ungeheuerlichste Stromschnelle, die man sich denken kann. Von einem Wasserfall erwartet man Absturz aus der Höhe: hier aber beträgt das Gefälle kaum neunzehn Meter auf etwa einen Kilometer. Was aber den Beschauer in staunende Bewunderung versetzt, das ist der unvergleichliche Anprall der Wogen. Beinahe fünfhunderttausend Liter Wasser stürzen sich in der Sekunde durch die Felsenschlucht, und die Gewalt, die in diesen Wasser gebändigt ist, hat man auf rund einhundertachtzehntausend Pferdekräfte berechnet. Wer dieses Naturschauspiel genießen will, muss allerdings schon bald nach Finnland, denn viel wird ihm von seinem Zauber geraubt werden, wenn die finnische Regierung dies Wasserkräfte erst dazu ausgenutzt hat, den finnischen Eisenbahnen die elektrische Kraft zu geben. Dann wird die Industrie wieder einmal über die Natur gesiegt haben, und das Landschaftsbild, das heute, gesehen vom Balkon des großen Staatshotels, noch so urwüchsig ist, wird ganz anders geworden sein! Wie glücklich war ich, den Imatra noch zu sehen, ungebändigt durch Menschenhand! Stundenlang kann man hineinblicken in den schäumenden Gischt der wirbelnden Wasser, kann man hineinhören in das endlose Brausen des Flusses, aus dessen Brandung es manchmal stählern herausklingt wie Waffengeklirr. Vielerlei erzählen die Einheimischen von den Stimmen des Wassers, wenn der Wind darüber hinstreicht, der Regen klatscht oder der Sturm heult. Bald glauben sie Jauchzen zu hören, bald wieder Wimmern, bald Locken und Singen und bald wieder wilde Schreie. Wer auf der Brücke steht und den heranstürmenden Wogen entgegenblickt, die, übersprüht von weißen Kämmen, sich jagen und überschlagen, der kann es verstehen, daß eine magnetische Kraft vom Imatra ausgeht. Was bekommt man da nicht alles zu hören von den Opfern, welche diese Wasser schon verschlungen haben! Von dem alten Fischer mit seiner Frau, die so glücklich abgefahren waren, und deren Boot dann, in den Strudel geraten, am Felsen zerschellte... Von den beiden Bauerntöchtern, die, gekränkt von übler Nachrede, sich in die rasenden Wogen stürzten und in Sekundenschnelle ihr Leben verloren... Von dem jungen Mädchen, licht und schlank, festlich gekleidet wie eine Braut, die zu nahe ans Ufer und urplötzlich in dem weißen Strudel verschwand. Wie eine Heilige schwebte sie noch dahin, ihr grüner Schleier wehte zwei- oder dreimal, und dann war sie versunken... Alles Menschliche, das dem Strom zu nahe kommt, ist unrettbar verloren. Nur die schweren Baumstämme, die man weit oben in den Saimaasee hineinwirft, sind stärker als der Mensch. Sie tanzen, hingerissen von unbeschreiblicher Gewalt, wie durch eine Hölle, und finden sich dann doch unversehrt viele Kilometer weiter unten im Flusse wieder, um dort von den Wächtern aufgesammelt und zu Flößen zusammengebunden zu werden. (...)".

So ist es in dem Buch "Dunkle Wälder, helle Nächte – Von Lappenhof zu Lappenhof" von Gustav Manz (Brunnen-Verlag / Karl Winkler / Berlin) aus dem Jahre 1928 zu lesen. Die ungeheuren Wassermassen flossen damals über Stromschnellen, die rund 1.300 Meter lang waren und eine Fallhöhe von gut 19 Metern hatten.

Drei Blitze

Heute erstreckt sich bei Imatra ein Stausee. Dort gewinnt ein Wasserkraftwerk die Energie für den Süden Finnlands einschließlich Helsinki und Turku. Es ist eines der größten Energiewerke in Finnland überhaupt. Im Wappen der Stadt zucken drei Blitze, das Zeichen für Energie.

In Imatra im Südosten Finnlands direkt an der russischen Grenze gelegen leben ungefähr 33.500 Menschen (1996). Früher war die Gegend an den Stromschnellen eine Touristenattraktion, wo sich sogar schon 1772 die Zarin Katharina II. an der Schönheit der Stromschnellen erfreute. Von 1925 bis 1929 wurde dann das Wasserkraftwerk gebaut, und Südfinnland war um eine Attraktion ärmer.

Deutsche Zeitungen auf finnischem Papier

Fast 20 Jahre später entstand die Industriestadt Imatra. Dort steht jetzt am Ufer des Saimaa-Sees das größte Werk Europas für Sulfatzellulose (1982). Dieses Werk wird vom Konzern Enzo-Gutzeit betrieben, der größte finnische Holzveredelungs- und Forstbetrieb, gleichzeitig Hauptarbeitgeber in Imatra. Holz ist Finnlands Gold. Sehr viel wird für die Papierverarbeitung verwendet. So sind viele deutsche Zeitungen auf Papier aus finnischem Holz gedruckt.

Im Kraftwerk wird die Energie mit Hilfe von sieben Getrieben gewonnen, wo der Fluss Vuoksi hindurchrauscht. Durch sie fließen pro Sekunde 900 Kubikmeter Wasser, im Jahr produziert das Kraftwerk Strom im Umfang von einer Milliarde Kilowatt.

Dass die Stromgesellschaft in Finnland über eine große Macht verfügt, zeigt folgende Geschichte. Nach einer ungewöhnlich großen Schneeschmelze waren die landwirtschaftlichen Betriebe am Ufer des Saimaa vom Wasser bedroht. Die Regierung verfügte, dass das Wasser zu ihrem Schutze über die Stromschnellen abgelassen werden sollte. Die Imatra-Stromwerke verklagten daraufhin die Regierung für verlorengegangene Verdienstausfälle. Denn Wasser, welches nicht die Dynamos antreibt, ist verlorenes Wasser, folglich verminderte Gewinnspanne für die Energiegewinner. Auf dem Gerichtswege gewannen die Kraftwerksbetreiber und bekamen Schadensersatz zugesprochen.

Urgewalt des Wassers

Damit die Stadt Imatra immer noch eine Touristenattraktion hat, wird während der Sommermonate einmal in der Woche (Meist sonntags um 15 Uhr, aber vorher erkundigen!) die Schleuse am Stausee geöffnet. Viele Touristen stehen dann auf der Brücke, die die nur 20 Meter breite Schlucht verbindet. Unten ihnen das eben noch trockene Flussbett des Vuoksi, jetzt tosend und weißschäumend. Die Urgewalten des Wassers lassen einen heftigen kühlen Wind vom der Staumauer her aufkommen, die Luft ist mit Wassertropfen gefüllt, und ein donnerndes Rauschen übertönt die Schnellen und Menschen. Doch nach wenigen Minuten verebbt diese Wassergewalt, die weißen Schaukronen werden zu armseligen Rinnsalen. Der harte Fels, geschliffen und geformt von den früheren Wasserkräften, glänzt bunt und trocken in der Nachmittagssonne.

Sogar im Winter jeweils am 31. Dezember sollen die Schleusen geöffnet werden. Dann bricht das Eis, das Wasser dampft durch weiße Landschaft. Ein seltenes Winterschauspiel!

 

Autor: Th. Bujack
Veröffentlichung und Verbreitung nur mit Einverständnis des Autors!

Alle Rechte bei der  NORDLANDSEITE, 1999

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Noch ist es ruhig zwischen den Felswänden...

... doch dann stürzen die Wassermassen des Vuoksi hinunter

Das Bild zeigt den ursprünglichen Lauf des Vuoksi; rechts ist das Wasserkraftwerk, wo die Energie aus den Wassermassen gewonnen wird

Der Querschnitt durch das Wasserwerk zeigt, wie das Wasser die Turbinen antreibt

Die riesigen Turbinen holen den Strom für weite Teile Finnlands aus dem Wasser

 

Eine gigantische Kraft steckt in den Wassermassen

Der alte Lauf des Vuoksi

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(mit Ausnahme des Schwarzweißfotos)