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Mittags bei -33 Grad in Jakutsk.
 
Unterwegs in der kältesten Hauptstadt der Welt
Jakutsk: Wo sogar die Luft gefriert
 

JAKUTSKCryotouristen wollen die wahre, die echte Kälte erfahren! Also auf zur kältesten Hauptstadt der Welt in der Teilrepublik Sacha, nach Jakutsk, etwa 5.000 km östlich von Moskau und mitten im Herzen Sibiriens! Jetzt sind wir soweit nördlich wie die Färöer-Inseln im Nordatlantik und soweit östlich wie etwa die japanische Präfektur Nagasaki. Wir, das sind Manuel, Vollprofi in Sachen Reisen aus Ratingen, und Thomas je kälter desto besser aus Düsseldorf.

Endlich, nach sechseinhalb Stunden Flugzeit von Moskau aus sind wir um kurz nach 6.00 Uhr am Jakutsker Flughafen! Beim Verlassen des Flugzeuges trifft uns die sibirische Kälte wie ein Schlag! Wir bekommen praktisch keine Luft mehr. Vorsichtig müssen wir die sibirischen Kälte durch die Nase einatmen. Die feinen Nasenhärchen sind im Nu gefroren. Durch den Mund ist es für die Atemwege viel zu kalt. Unser mitgebrachtes und geeichtes Greisinger-Thermometer zeigt in der ersten Messung 37 Grad Kälte an. Der Taxifahrer, der uns zum Hotel fährt, lacht: „Das ist warm für uns. Unsere Kinder bekommen erst ab minus 50 Grad in der Schule kältefrei!“

 

Cryotouristen unterwegs: 43,4 Grad zeigt unser geeichtes Thermometer am Flughafen Jakutsk an. Unter Null.
 

In der Kälte gefriert alles, auch der Atem.
 

Deutsche Namen sind in Sibirien ein Qualitätsmerkmal.
 

„Bitte ein Vanille-Eis in der Waffel!“ - Bei unter minus 30 Grad Außentemperatur mag ein Speiseeis eher als ‚warme‘ Mahlzeit gelten. Gesehen in einem Schnellrestaurant in Jakutsk.

 

Die Saisonübergänge scheinen fließend.
 
 

Acht Stunden müssen wir die Uhr vorstellen. Während hier langsam die Stadt erwacht, laufen bei uns daheim gerade die Tagesthemen. Die weiße Stadt dampft und qualmt. Hier ist noch nicht einmal der Schnee schmutzig. In der Hauptstadt am Ufer der Lena leben etwa 270.000 Menschen, mehrheitlich Jakuten. Das ist gut ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Teilrepublik Sacha, die aber in der Landesfläche über acht Mal größer als Deutschland ist.

24 Grad im Hotelzimmer

Um keinen allzu großen Jetlag zu riskieren, schlafen wir bis zwölf Uhr am Mittag. Bei 24 Grad Hitze im Hotelzimmer Vorbereitung für die erste Schnuppertour bei 32 Grad Kälte draußen. Schicht für Schicht – zwei Paar Socken (Wander- und Wollsocken), chemisch beheizte Thermosohlen, Thermo-Unterwäsche, Skihose, Fleece-Jacke, Teddy-Jacke mit Kapuze, Kaninchenfellmütze mit Ohrenschutz und eine dicke Skijacke. Weiter ein dünnes Paar Handschuhe und Fäustlinge, außerdem ein dicker Schal. Die Jakuten, die ohne Handschuhe und mit Smartphone am Ohr an uns vorbeieilen, wundern sich ein wenig über uns.

Zwar tragen die Jakuten meist schicke und modische Fellmützen, aber sie sind mit dieser enormen Kälte groß geworden. Im Winter kann das Thermometer bis unter minus 50 Grad und weniger sinken, im Juli sogar bis über 30 Grad klettern. Plusgrade wohlbemerkt! Gut helfen bei dieser Kälte die sogenannten Walenki, sibirische Filzstiefel! Sie sollen gefüttert mit den alten Prawda-Zeitungen die Füße besser warm halten als alle Kältespezialstiefel der übrigen Welt! Erzählt man sich.

Wodka absolut!

Gibt es keine Heizung, hilft in der Kälte auch der Wodka! Und da es in Jakutsk besonders kalt ist, wird auch offensichtlich viel Wodka getrunken. Nachts auf den kalten Straßen in Jakutsk sind dann die ‚besten Freunde‘ und ‚ärgsten Feinde‘ unterwegs. Ein absolut bis zum Rand gefülltes Glas kostet in den meisten der rund 200 Restaurants in der Stadt umgerechnet um die drei Euro. Dazu sollte Wasser getrunken werden. Nur so geht es am nächsten Morgen für Geist und Körper glimpflich ab. Es kommt bestimmt nicht von ungefähr, dass es z. B. bei der nationalen Fluggesellschaft Yakutia Air an Bord kein Alkohol ausgeschenkt wird. 

  

 

Im Zentrum von Jakutsk abends gegen 18.00 Uhr.
 

‚Beste Freunde‘ morgens um halb drei am Lena-Ufer.

 
 

Mammut-Baby Dima

Obwohl schon geschlossen macht im Permafrost-Institut und Museum ein Mitarbeiter eine unkomplizierte Ausnahme und führt uns vorbei an eine Replik des gefrorenen 34.000 Jahre alten Mammut-Baby Dima, welches 1977 am Kolyma-Fluss gefunden wurde, hinab in den eisigen Untergrund. (Kleine Randnotiz, bereits 2002 konnte der Autor genau diese Kopie von Dima in Kaarst in einem Museumsrestaurant bestaunen.) Hier im Unterbau des Institutes, der einige Meter in den mehrere Hundert Meter dicken Permafrostboden reicht, ist einfach alles gefroren. Ein Raumthermometer zeigt -10 Grad. Die feuchte Atemluft gefriert an den Wänden des Ganges, bildet kristalline Strukturen. Es sieht ähnlich aus wie in einer Salzhöhle. Im sibirischen Permafrost finden sich versteinerte Wälder, teils Millionen Jahre alt, und allerlei tiefgekühlte Fauna und Flora. Am Ende des Ganges stehen passend zum Januar völlig vereist Väterchen Frost und seine Schneeflocke.

 

Ein Stein-Mammut vor dem Permafrost-Institut.
 

Unterhalb des Instituts geht es hinab in das frostige Reich des Permafrostes. Ein Mitarbeiter präsentiert einen der vielen Funde, ein versteinertes Stück Holz, mehrere Millionen Jahre alt. Der Reif an den Wänden entsteht durch die gefrorene Atemluft.
 

Väterchen Frost und seine Schneeflocke in der für sie besten Umgebung im Permafrost.
 

Wiedersehen mit einem Urviech - 34.000 Jahre alt ist das Mammut-Baby Dima, welches 1977 im eisigen Boden Sibiriens gefunden wurde. Im Permafrost-Institut ist eine perfekte Kopie in den unterirdischen Gängen des eisigen Reiches gelagert. Diese Kopie war 2002 in der Stadt Kaarst bei Düsseldorf ausgestellt.  
 
 

Die Stromleitungen hängen wie Spinnfäden über den Straßen. Die Wasserleitungen liegen ebenfalls oberirdisch. Die kleinen Linienbusse sind warm gefüllt, passieren die große und vergessene Lenin-Statue an der gleichnamigen Straße. Spaziergang zum Bauernmarkt im Schatten der blauen Hochhäuser mit teils über 15 Stockwerken. Wegen des eisigen Bodens stehen die Wohnkolosse auf Stelzen, die bis zu 40 Meter in das gefrorene Erdreich ragen. Auf dem Markt ist kein Eisschrank notwendig. Was es in der Region gibt, wird hier feilgeboten – gehäutete Pferdeköpfe, gefrorene Kolkraben und knallharter Fisch. Milch wird als feste Kilogrammware in Plastiktüten verkauft; das Kilo kostet umgerechnet etwas mehr als ein Euro.

Oimjakon und Werchojansk

Während unserer Zeit in Jakutsk sehen wir keinen weiteren Touristen. Denn diese reisen häufig sofort weiter zu den Kälteregionen nach Oimjakon oder Werchojansk, beide jeweils etwa 600 Kilometer entfernt. Zwar mag es dort noch kälter sein, aber Touristen müssen dennoch Glück mit Extremwerten von unter minus 50 Grad und weniger haben.

Ritter Sport im Regal

In den Supermärkten in Jakutsk wird dagegen kundenfreundlich geheizt, sodass schon wieder Kühltruhen nötig sind. Hier gibt es alles, auch für uns Europäer – alkoholfreie Biere wie z. B. Beck‘s Blue und Distelhäuser, weiter Nesquik, Nutella und Ritter Sport. Die Globalisierung hat es schon bis nach Sibirien geschafft. Im Süßigkeitenregal ist’s der Schulterschluss von schokoladigen Weihnachtsmännern und Osterhasen.

 

Wie ein riesiges Spinnennetz umspannen die Stromleitungen die Stadt.
 

Winteratmosphäre mitten in der City. Hier bleibt sogar der Schnee auf den Straßen weiß.
 

Die Jakuten sind sehr gastfreundliche Menschen.
 

Viel zu warm, erst unter minus 50(!) Grad gibt es für die Schulkinder kältefrei. Dabei kann es im Sommer auch bis zu 38 Grad PLUS werden.
 

Frischer Fisch auf dem Markt. Der hält sich!
 

Komplett zerlegte Pferde bei einem Markthändler. Pferdefleisch gilt als Delikatesse. Außerdem sind die Huftiere extrem widerstandsfähig in der sibirischen Kälte.
 

Zwischen Fischen und Federvieh gibt es Milch als Kilogramm-Block, abgepackt in Plastiktüten.
 

Ingenieurstechnisch eine gewaltige Herausforderung, Hochhäuser in Jakutsk. Sie stehen auf Stelzen, die etwa 40 Meter tief in den Permafrostboden reichen.
 

Das überirdische Rohrsystem zwischen den Hochhäusern.

 
 

Die Lena, Sibiriens mächtiger Fluss! Auch wenn wir am Ufer der Lena sind, können wir den Strom nicht erkennen. Er mäandert mit unzähligen vorgelagerten Inseln in einer Breite bis zu sieben Kilometer an der Stadt vorbei. Jetzt ist der gigantische Wasserlauf gefroren. Die weiße Lena unterscheidet sich nicht mehr von der umliegenden Winterlandschaft. Meist von Oktober bis in den Juni ist der Fluss zugefroren. Wenn die Schmelze einsetzt, kann es zu Eisstauungen kommen, die den Wasserstand um bis zu mehr als 20 Meter variieren lassen.  

Eis in der Waffel

Kulinarisch hat Jakutsk die größte Restaurantdichte des Landes zu bieten. Auch die finnische Burgerkette Hesburger betreibt in der Stadt eine Filiale. Es mag bemerkenswert sein, dass sich hier trotz der grimmigen Wintertemperaturen die jakutischen Kinder ein Vanille-Eis in der Waffel gönnen! Dann doch lieber Stroganina, ein tiefstgefrorener und in dünne Streifen geschnittener Fisch, der in Salz  und  Pfeffer getunkt und ganz cool genossen wird. Allerdings gibt es den nicht bei Hesburger.

Die Luft gefriert!

Wenn die Temperatur näher an die 40 Grad rückt, gefriert auch die Luftfeuchtigkeit. Über der windstillen Stadt liegt Eisnebel, der in dichten Schwaden über die Straßen wabbert. Auf dem Platz gegenüber des Lenin-Denkmals spielen Kinder und Erwachsene auf den Rutschbahnen und an den bunt beleuchteten Eisfiguren. Überall flackern LED-Lampen in allen möglichen Formen und Farben. Dazwischen laufen geführte Rentiere mit mächtigen Geweihen umher und ziehen meist die Kinder und frisch Verliebten in Schlitten über den gefrorenen Platz.

Persönlicher Rekord mit minus 43,4 Grad

Der Tag der Abreise. Die Temperatur ist in der Nacht so richtig gesunken! Am Flughafen messen wir mit unserem geeichten Temperaturgerät exakt 43,4 Grad. Neuer Kälterekord für uns Cryotouristen! Das Luftholen fällt jetzt richtig schwer. Nur nicht tief einatmen!

Um die Kamera bedienen zu können, wird ganz kurz ohne Handschuhe fotografiert. Die Folge sind zwei Frostbeulen am Zeigefinger und Erfrierungen an der Nasespitze. Eben da, wo die Haut direkten Kontakt zum Metall und Glas der Kamera hat. Bei Manuel sind es leichte Erfrierungen der oberen Hautschichten an den Wangen. Außerdem frieren ihm die Wimpern in den Augen an.

Ansonsten ist es uns während der gesamten Zeit in Jakutsk nicht kalt. Es ist eine ganz andere Kälte. Die wenigen heimischen Minusgerade kommen uns wesentlich unangenehmer vor als die sibirischen Extremwerte, die eher wunderbar erfrischend wirken.

Die Kameras und die Kälte

Noch ein bisschen Technik. Die Energie in den digitalen Kameras, bezogen aus zwei original Li-Ionen-Akkus mit 1800mAh, interessiert die grimmige Kälte überhaupt nicht. Sie funktionieren auch über mehrere Stunden im Außeneinsatz anstandslos, werden sogar als voll angezeigt. Allerdings arbeiten die mechanischen Teile wie z. B. der Klappmechanismus des Spiegels oder die Fokussierung im Objektiv bei unter 40 Grad erheblich verzögert.

Auch sollten Kameras und Objektive nach den Außeneinsätzen am besten in einem wasserdichten Kamerarucksack oder in einer Fototasche verpackt werden, bevor es in die warmen Räume geht.

Ganz wichtig, die Akkus noch in der Kälte entfernen! Sonst würde alles mit Feuchtigkeit beschlagen und die empfindliche Elektronik in den Kameras Schaden nehmen.

Nach gut einer Stunde der Akklimatisierung können Speicherchips, Objektive und Akkus wieder gewechselt werden. Mit einem Ledertuch wird die letzte Feuchtigkeit abgewischt.

Das Mobiltelefon als Schnappschusskamera genutzt wird in der Jackentasche zusammen mit einem chemischen Hitzepack aufbewahrt. Dadurch funktioniert es eigentlich ganz gut. Jedoch ist der Akku etwas altersschwach und wird schnell als leer angezeigt. Er kann sich aber am Hitzepack in der Tasche zeitnah erholen.

Diese kleinen Hitzepacks produzieren eine Wärme von etwa 38 Grad für acht bis zehn Stunden. Das Gleiche gilt auch für die Einmalsohlen in unseren Stiefeln.

Sieben Stunden Morgendämmerung

Die Triebwerke der 737 von Yakutia Air müssen wegen der heftigen Temperaturen mächtig vorgeheizt werden. Alles ist in dichtem Dampf gehüllt. Alles Routine. Das Enteisen geschieht ruckzuck. Da der Flug bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, braucht die Maschine gefühlt eine Ewigkeit, bis sie abhebt. Auf der verdammt buckeligen Piste eine verdammt ruckelige Angelegenheit. Endlich, wir sind in der Luft! Das Rumpeln hört auf.

Schräg hinter uns ist die Morgendämmerung am Nachthimmel zu sehen. Fast sieben Stunden wird die Dämmerung des nächsten Tages hinter dem Flugzeug herjagen. 5.000 Kilometer später hat uns die Sonne in Moskau endgültig eingeholt.

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Hinten links ist das andere Ufer der Lena zu erkennen. Wenn die Schmelze einsetzt, kann der Wasserstand wegen der Eisstauungen lokal auf über 20 Meter ansteigen.

 

Das ist kein überdimensionales Glatthaar-Meerschweinchen sondern ein eingepacktes Auto. Normalerweise laufen die Motoren der Kraftfahrzeuge den gesamten Winter durch. Einmal aus, springen sie nicht wieder an, außer es wird etwas wärmer....

 

Familienspaß mit Rentierschlitten in der City.

 

Die Wolken aus den Schornsteinen gefrieren in der eisigen Umgebung. Eiswolken wabern über Jakutsk.

 

Ein farbenprächtiges Nordlicht bildet das Logo von Yakutia Air, hier am Flughafen in Moskau, auf dem Seitenleitwerk.

 

Nur die Kamera kann ihn sehen, ein Nordlichtbogen am Horizont beim Flug über Sibirien. Die Belichtungszeit beträgt etwa vier Sekunden.

 

Abendstimmung am Lena-Ufer.

 
Der Winter in Jakutien, eine ziemlich coole Angelegenheit!
 
 
 
(Die blauumrandeten Fotos können vergrößert dargestellt werden.)

 

Text & Fotos: Thomas Bujack/Manuel Kliese

 

 
Veröffentlichung und Verbreitung nur mit Einverständnis der Autoren!

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